Genossenschaften - gestern, heute, morgen

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Aus dem "Brodverein", den Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 bis 1888) im Hungerwinter 1846/47 in Weyerbusch (Westerwald) als Einrichtung der Wohltätigkeit und Fremdhilfe gründete, entstand 1864 der Heddesdorfer Darlehnskassenverein. Damit wurde die erste ländliche Genossenschaft aus der Taufe gehoben. Der "Anwaltschaftsverband der ländlichen Genossenschaften" von 1877 war Ursprung einer großen Organisation, die seit 1948 im Deutschen Raiffeisenverband e. V. weiterlebt - unterstützt von zahlreichen genossenschaftlichen Banken und Verbundunternehmen.

In der Primärstufe, auf Ortsebene, kommt der genossenschaftliche Grundauftrag - nach Satzung und Gesetz von 1889 - unmittelbar zum Ausdruck: Arbeit und Leistungen der Genossenschaften dienen ausschließlich der Förderung der Mitglieder. Nahezu alle deutschen Landwirte und Winzer sind Mitglieder einer oder mehrerer Raiffeisen-Genossenschaften. Die Organisation zählt bundesweit rund 1,7 Millionen Mitgliedschaften.

Sechs Regionalverbände und der Fachprüfungsverband Halle üben die nach Satzung und Gesetz vorgeschriebene Prüfungspflicht aus. Der Staat untermauert damit den Anspruch der Genossenschaften auf Selbstverantwortung und Selbstverwaltung. Durch die umfassende Betreuung und Beratung ihrer Mitglieder sind die Regionalverbände zu Full-Service-Einrichtungen geworden. Sie tragen entscheidend zur wirtschaftlichen Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit der Genossenschaften bei.

Der Deutsche Raiffeisenverband e. V. (DRV) fördert und vertritt als Spitzenverband der ländlichen Genossenschaften "die fachlichen und besonderen wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Interessen der Mitglieder", wie es in der Satzung heißt, im Vorfeld marktpolitischer Entscheidungen in Bonn und Berlin, bei der Europäischen Kommission in Brüssel sowie beim Europäischen Parlament in Straßburg. Der DRV informiert seine Mitglieder über alle genossenschaftsrelevanten Gesetzesvorhaben und analysiert die politischen Entscheidungen. So können sich die Unternehmen unverzüglich auf neue Rahmenbedingungen einstellen. Der DRV ist als kompetenter Gesprächspartner und Berater bei Politik und Administration geschätzt. Der Verband versteht sich als Kompetenz- und Service-Center für die vielfältigen Belange der Raiffeisen-Genossenschaften.

Die Genossenschaften sind die Marktpartner der deutschen Landwirtschaft. Ihre Tätigkeit ist eng verbunden mit dem Strukturwandel in der Agrarwirtschaft, den ihr vor- bzw. nachgelagerten Bereichen und den Entwicklungen auf den in- und ausländischen Märkten. Die Genossenschaften schaffen optimale Unternehmens- und Betriebsgrößen, setzen auf Wertschöpfung und bauen ihre Qualitätssicherungs-Systeme in der Be- und Verarbeitung von Agrarprodukten aus. Sie setzen auf enge vertragliche Bindungen zu den Mitgliedern.

Strukturanpassung, Rationalisierung und Kostensenkung sind für die Raiffeisen-Genossenschaften eine stetige und zugleich lebensnotwendige Aufgabe. Die Zahl der deutschen Genossenschaften verringerte sich im Zeitraum 1950 bis 2010 von fast 24.000 auf 2.604.

Die addierten Umsätze der Raiffeisen-Genossenschaften stiegen von 3,5 Mrd. Euro im Jahr 1950 auf 17,5 Mrd. Euro (1970). Ende 2010 betrugen die addierten Umsätze aller Raiffeisen-Genossenschaften in Deutschland 42,8 Mrd. Euro. Rund 100.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für die Genossenschaftsmitglieder und Kunden tätig. Raiffeisen ist ein bedeutender Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor im ländlichen Raum.

Die 2.604 Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften in der deutschen Raiffeisen-Organisation (Stand 31.12.2010) setzen sich wie folgt zusammen:

2.441   

ländliche Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften
(einschließlich 852 Agrargenossenschaften)
  

   
157  
Kreditgenossenschaften mit Warengeschäft
  
   
6  
Hauptgenossenschaften einschl. DRWZ    

  
In den Warenbereichen arbeiten:

330  
Bezugs- und Absatzgenossenschaften
  
264  
Milchgenossenschaften davon sind 51 in der Verarbeitung tätig (einschl. Zentralen)
 
105  
Vieh- und Fleischgenossenschaften (einschl. Zentralen)
  
89  
Obst-, Gemüse- und Gartenbaugenossenschaften
  
209  
Winzergenossenschaften (einschl. Zentralen)
  
834  
Agrargenossenschaften
  
610  
sonstige Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften
z. B. Brennerei-,Weide-, Bioenergie-, Forst- und Holzwirtschaftliche Genossenschaften, Zentralen, sonstige Mitglieder
 

Die Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften stehen in einem harten Wettbewerb auf den in- und ausländischen Agrarmärkten. Von ihrer Leistungsfähigkeit überzeugt, tätigen die Mehrzahl der deutschen Landwirte, Gärtner und Winzer ihre Ein- und Verkäufe mit den Genossenschaften.

Raiffeisen-Genossenschaften versorgen die Landwirte mit Betriebsmitteln, z. B. Saatgut, Düngemitteln, Futtermitteln und Agrartechnik. Sie erfassen, verarbeiten und vermarkten die gesamte Palette landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Sie beraten die Landwirte und Winzer bei der markt- und umweltgerechten Produktion und loten Marktchancen für neue Produkte aus entsprechend ihrem Leitspruch "Wir öffnen Märkte". Dazu zählen z. B. der Bioenergiebereich und der Anbau und die Vermarktung nachwachsender Rohstoffe.

Raiffeisen-Genossenschaften bieten ihren Mitgliedern vielfältige Dienstleistungen,
z. B. regelmäßige Überprüfung von Feldspritzgeräten, Reparatur von Landmaschinen und umweltgerechte Lagerung von Pflanzenschutzmitteln, damit sie zum richtigen Zeitpunkt in der erforderlichen Menge zur Verfügung stehen. Mehr als 400 Landmaschinen-Werkstätten und Service-Zentren bieten ein breites Dienstleistungsspektrum.

Raiffeisen-Genossenschaften sind wichtig für die flächendeckende Versorgung mit
Bedarfsgütern. Sie liefern Brenn- und Treibstoffe aus eigenen Lagern und betreiben rd. 850 Tankstellen. Sie führen rund 676 Baustoff-Fachhandlungen mit einem reichhaltigen Angebot. An Bedeutung gewinnt der Groß- und Einzelhandel mit Öko-Baustoffen. Rund 1.600 Raiffeisen-Märkte bieten den Verbrauchern ein breites, hochwertiges Sortiment für Haus und Garten sowie den Haustierbedarf.

Raiffeisen-Genossenschaften wirken mit bei der Rückführung von Verpackungen und beim Recycling von Wertstoffen. Sie engagieren sich in der Kommunaltechnik und Landschaftspflege. Sie tragen dazu bei, dass die Wirtschaftskraft des ländlichen Raums gestärkt wird. Mit der Zielsetzung "Raiffeisen - Leistung für alle" finden sie insbesondere in Landgemeinden und Stadtrandgebieten großen Zuspruch.

Seit der deutschen Wiedervereinigung haben verschiedene Regionalverbände die Beratung und Prüfung der ostdeutschen Agrargenossenschaften, das sind die Nachfolgebetriebe der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, übernommen. Den 834 von der Raiffeisen-Organisation betreuten Agrargenossenschaften kommt eine wichtige Rolle für den genossenschaftlichen Verbund zu. 2010 setzten die Agrargenossenschaften rund 2,0 Mrd. Euro um. Sie beschäftigten rund 22.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

In über 150 Jahren haben die Ideen Friedrich Wilhelm Raiffeisens und seine Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung nichts an Aktualität verloren: Die Mitwirkung und der Einfluss aller Genossenschaftsmitglieder sind sichergestellt; sie bestimmen die Unternehmenspolitik und damit den wirtschaftlichen Erfolg. Durch das Engagement Ehrenamtlicher ist die Selbstverwaltung garantiert. Durch ihre Mitarbeit in den Gremien nehmen sie Einfluss auf die Geschäftspolitik. Die Rechtsform der Genossenschaft ist heute in wirtschaftliche schwierigen Zeiten mehr denn je gefragt, denn sie setzen hier wirtschaftiche Stabilität und Eigeninitiative. Das zeigen die erfolgreichen Gründungen von Genossenschaften.

Angesichts der wachsenden Konzentration auf der Anbieter- und Abnehmerseite z. B. im Lebensmitteleinzelhandel, wächst die Notwendigkeit für Landwirte, Gärtner und Winzer, ihre wirtschaftlichen Interessen gemeinsam zu vertreten und durchzusetzen. Die Genossenschaften und ihre Mitglieder stellen sich offensiv auf die veränderte Marktsituation und die steigenden Erwartungen der Verbraucher ein. Qualitätssicherung und Rückverfolgbarkeit haben in allen Sparten höchste Priorität.

Eine wichtige Voraussetzung, um den Agrarstandort Deutschland zu sichern, sind starke und leistungsfähige Genossenschaften. Die Mitglieder werden die wachsenden Herausforderungen gemeinsam mit ihren Genossenschaften meistern. Die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik, die Osterweiterung der Europäischen Union, die Liberalisierung und Globalisierung des Agrarhandels fordern die weitere Bündelung der Kräfte und des Angebots geradezu heraus.