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16.09.2021
Green Deal

Studie zur Folgenabschätzung der Farm-to-Fork-Strategie

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Die Universität Kiel hat eine vom Grain Club und weiteren Verbänden der Agrar- und Ernährungswirtschaft beauftragte Studie zu den Folgen der Farm-to-Fork-Strategie veröffentlicht: Demnach wird es zu massiven Auswirkungen auf die gesamte Agrarbranche kommen. Probleme werden in andere Regionen verlagert, keine positiven Effekte auf das Klima.
 

In der Studie wurde untersucht, welche Auswirkungen die Umsetzung der Maßnahmen der Farm-to-Fork-Strategie (F2F-Strategie, siehe Meldung vom 1. September 2020) auf die Agrarproduktion und die nachgelagerte verarbeitende Industrie in der EU hat. Weiterhin arbeitet die Studie heraus, wie sich grundsätzliche ökonomische Entwicklungen und Verbrauchertrends direkt auf die Agrarproduktion in der EU auswirken und welche indirekten Effekte sich dabei auf die Umsetzung der F2F-Strategie ergeben.

Der Deutsche Raiffeisenverband hat als Mitauftraggeber der Studie die Ergebnisse zusammengefasst und eingeordnet.

Forderungen, die der DRV aus den Studien-Ergebnissen ableitet:

  1. Die EU-Kommission muss die Ziele und Maßnahmen der F2F-Strategie konkretisieren!
  2. Folgenabschätzungen müssen in die Entscheidungen über Maßnahmen einfließen!
  3. Die Agrar- und Ernährungsbranche braucht bestmögliche Rahmenbedingungen, um im Transformationsprozess wettbewerbsfähig zu bleiben!
  4. Die Kosten der Transformation müssen gesamtgesellschaftlich getragen werden!
  5. Der politisch gewollte Strukturwandel in der Agrar- und Ernährungsbranche muss abgefedert werden!

Die Studienergebnisse können wie folgt zusammengefasst werden:

Die von der EU-Kommission unter dem Stichwort Farm-to-Fork ausgegebenen Maßnahmen (50 % weniger Pflanzenschutzmittel, 20 % weniger Mineraldünger, 50 % weniger Nährstoffbilanzüberschuss, 25 % Ökolandbau, 10 % Biodiversitätsflächen) haben keine positiven Klimaeffekte. Die Einsparungen in der EU werden in Drittstaaten durch Mehremissionen zunichtegemacht. Die vorgesehenen Maßnahmen

  • verursachen erhebliche Kosten („Wohlfahrtsverluste“) aufgrund der Effizienzminderung,
  • verursachen darüber hinaus Transformationskosten im vor- und nachgelagerten Sektor
    (insbesondere für die Umwidmung von nicht mehr benötigten Anlagen und Immobilien),
  • beschleunigen den Strukturwandel in der Landwirtschaft, weil ein Teil der Betriebe unter F2F-Bedingungen nicht mehr wirtschaftlich geführt werden kann.

Im Detail:

  • Die F2F-Strategie ist gemäß den Studienergebnissen nicht klimawirksam. Die prognostizierten Treibhausgas-Einsparungen (THG) durch eine Verringerung der europäischen Agrarproduktion werden durch eine Erhöhung der THG-Emissionen der Landwirtschaft außerhalb der EU sowie durch Landnutzungswandel in der EU vollständig nivelliert. Hinzu kommen noch hier nicht konkret bezifferte Emissionen aus Landnutzungswandel in Nicht-EU-Staaten. Drittländer mit schlechteren Produktionsbedingungen müssen deutlich mehr Naturfläche in landwirtschaftliche Fläche umwandeln, um die entstandene Lücke auf dem globalen Agrarmarkt zu schließen, es kommt somit zu Verlagerungen – zu sogenannte Leakage-Effekten.
  • Eine vollständige Umsetzung der F2F-Strategie führt laut der Studie zu
    • einem signifikanten Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion (-21,4% Getreide, -20% Ölsaaten, -20% Rindfleisch, verbunden mit einem Rückgang der Tierzahlen (-45% Rinder, -13,3% Milchkühe)) und
    • entsprechenden Preissteigerungen in der EU (+58% für Rindfleisch, +48% für Schweinefleisch, +36% für Rohmilch, +15% für Obst und Gemüse, +18% für Ölsaaten und 12,5% für Getreide).
  • Insbesondere die Reduktion der N-Bilanz-Überschüsse um 50% lösen gemäß der Studie starke Effekte aus.
  • Die zu erwartenden Produktionsrückgänge in der EU-Landwirtschaft implizieren eine Reduktion der Netto-Exporte vor allem bei Getreide, Rindfleisch sowie Obst und Gemüse.
  • Auch in Deutschland ergibt sich laut Studie eine Reduktion der Netto-Exporte. Die Exportstellung von Geflügel kehrt sich um in eine Importstellung, Milchexporte bleiben relativ stabil, es ergibt sich ein starker Rückgang bei Schweinfleisch und Getreide.
  • Die zu erwartenden drastischen Rückgänge der Produktionsmengen bei Rindfleisch und Milch werden nicht nur viele landwirtschaftliche Betriebe gefährden, sondern auch die im vor- und nachgelagerten Bereich agierenden Unternehmen als Partner der Landwirtschaft. Dies stellt eine erhebliche Schwächung der wirtschaftlichen Strukturen im ländlichen Raum dar und mindert das Potential einer möglichst regionalen und sicheren Versorgung mit Lebensmitteln. 
  • Da laut der Studie rund 12 Mio. Tonnen heimisches Obst und Gemüse durch Importe ersetzt werden, nimmt die Abhängigkeit von Drittländern zu. Preise steigen. Diese Entwicklung konterkariert die Bemühungen der Kommission, die Verbraucher dazu zu animieren, mehr Obst und Gemüse aus regionalem Anbau zu verzehren.
  • Der massive Anstieg der Lebensmittelpreise wirkt dem Ziel der EU-Kommission entgegen, die nachhaltigsten Lebensmittel zu erschwinglichen Preisen zu ermöglichen. Damit sind auch soziale Folgen verbunden.
  • Die Umsetzung der F2F-Strategie verursacht hohe Anpassungskosten, die sehr asymmetrisch zwischen Verbrauchern und Landwirtschaft sowie innerhalb der Landwirtschaft aufgeteilt sind. Die F2F-Strategie befördert somit den Strukturwandel.
  • Die gesamtgesellschaftlichen Anpassungskosten belaufen sich laut der Studie absolut auf rund 42 Mrd. Euro. Größtenteils entfallen diese auf der Verbraucherseite an. So entsteht ein Verlust an Konsumentenwohlfahrt in der EU in Höhe von 70 Mrd. Euro (145 € pro Kopf).
  • Auch entstehen hohe Verluste in der Milch- und weiteren (überwiegend Ölsaaten) verarbeitenden Industrie.
  • Wer die Anpassungskosten trägt, hängt davon ab, wie stark Importe von Agrarprodukten und Lebensmitteln in die EU aufgrund der Produktionseinschränkungen in der EU steigen. Stellt der Lebensmittelhandel schneller und stärker auf Importware um als in der Studie angenommen, trägt die Agrarwirtschaft (Landwirtschaft und vor- und nachgelagerter Bereich) einen sehr viel größeren Teil der Kosten.
  • Für die im vor- und nachgelagerten Bereich agierenden Unternehmen des Agribusiness führt die F2F-Strategie gemäß der Studie zu einem Rückgang der Wertschöpfung in Höhe von bis zu -26,7%.

 

    Die Studie sowie ein Executive Summary können Sie bei der Universität Kiel herunterladen.

    Die Pressemitteilung zur Studie finden Sie hier.

    Hintergrundinformationen zur Vorgehensweise der Untersuchung finden Sie in der Anlage.



       
      logo-signatur.png         Deutscher Raiffeisenverband e.V.
      Im Auftrag
      Nora Haunert M.Sc.
      Saatgut, Zukunftstechnologien, Political Affairs, Internationale Handelsbeziehungen
       
      Telefon: 030 856214-560


       
      logo-signatur.png         Deutscher Raiffeisenverband e.V.
      In Vertretung
      Dr. Michael Reininger
      Pflanzenschutz, Düngung, Gefahrstoffe,
      Agrartechnik, Digitalisierung
       
      Telefon: 030 856214-533

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